| Meine Großmutter Johanna (Jeannette) Stein |


Nachkömmling und letztes Kind meiner Urgroßeltern Filip Stein und Pauline Posamentier, geb. in Keblov/Keblau, Bohemia, Czech
erhielt eine Gesangs- und Klavierausbildung am Kölner Konservatorium. Der Traum von einer Opernkarriere erfüllte sich nicht,
weil ihre Stimme als Koloratursängerin nicht kräftig genug war.

Maskerade - Johanna als Stubenmädchen mitt Isi
Johannas Konservatoriumsgruppe um 1905 in Köln
Aufführung "Die neugirigen Frauen" von Ermanno Wolf-Ferrari.
Zum Ensemble gehörte auch Johannas weißer Pudel.

Später gab sie Klavieruntericht und begleitete den Freund der Familie und Untermieter,
den holländischen Opernsänger Hendrik Appels,Tenor,
der Anfang der Zwanziger Jahre ein Engagement am Kölner Operhaus hatte
bei seinen Gesangsvorbereitungen am Klavier.
Ungefähr zu dieser Zeit entstanden zwei Ölgemälde, porträtiert von Max Liebermann, von ihr und ihrer
Schwester
Anna Israel, geb. Stein - siehe dort, die während der Zeit der Nazionalsozialisten abhandengekommen sind. Entweder durch Enteignung, Zwangsverkauf oder ähnlichen Umständen.
Die Gemälde gehören zur Naziraubkunst und lt. der Washingtoner Erklärung von 1998, die
die Rückgabe von Naziraubkunst regelt, sind Zwangsverkäufe nicht rechtsgültig, d.h., diese Bilder müssen den ursprünglichen Besitzern zurückgegeben werden; was in der Regel nicht passiert.


Im Werkeverzeichnis Max Liebermann von Dr. Matthias Eberle auf Seite 1030, Nr. 1921/12 sind folgende Angaben:
Titel: Bildnis einer unbekannten Dame mit Federboa, 1921,
Öl auf Leinwand,
Größe 70 x 58 cm,
Bez. rechts oben: M. Liebermann 1921, Privatbesitz
Anmerkung: Über die Identität der Dargestellten ist nichts bekannt
Prov.: Privatbesitz Johannisburg;
Volker Westphal, Berlin;
Karl Faber, München (1976);
Privatbesitz
Durch Internetrecherchen entdeckte ich, dass das zur NS-Raubkunst gehörende Gemälde von meiner Großmutter vor ein paar Monaten über das Kunstauktionshaus „Villa-Grisebach, Berlin“ angeboten wurde. Auf www.artnet.de steht, dass es am 28. November 2008 über das Auktionshaus "Villa-Grisebach Auktionen GmbH, Lot 00140, für 15.470 Euro verkauft wurde. Ich hoffe, dass der neue Besitzer weiß, welches traurige Schicksal sich mit dem Bild verbindet. Siehe auch unter Anna Israel, geb. Stein und Bertha Bourgeois, geb. Stein

Ihr Leben stand von
Anfang
an
unter keinem guten Stern.
Schon als kleines Mädchen verlor sie ihren Vater.
Von Keblov, Böhmen, Czech, zog sie nach Wien, Berlin und 1905 nach Köln.

Köln wurde für sie zur Heimat und hier fühlte sie sich in den ersten Jahren wohl.


Die unbekümmerte Zeit hielt nicht lange an. 1911 wurde ein Jahr der Enttäuschungen.
Aus der fröhlichen jungen Frau, wurde ein sehr ernster Mensch.


Ein paar Jahre später kam ihre Tochter Raphaela zur Welt. Sie wurde das Kind der drei Schwestern und wuchs in
einem
wohlbehüteten
und abgeschirmten Umfeld auf.

Von der Bachemerstrasse zogen sie in die Friedrich-Schmidt-Strasse.


Mehr noch als ihre eigene Mutter, liebte Rafaela ihre Tante Anna. Sie war für sie "die Mutter".
Re. Foto: Junger Mann stehend, Albert, Sohn von Franz Hubert Bourgeois, Köln 1919.


Köln 1919


1932 meine Großmutter und Mutter noch immer
wohnhaft in
Köln-Lindenthal.
Die Zeit heilt alle Wunden und ihr lächeln kehrte zurück.
Wenn auch nur von kurzer Dauer.
Neue Schicksalsschläge bahnten sich an. Antisemitismus, Krankheit, Verfolgung, Tod.


Ende 1932 - Umzug nach Hamburg - mit der Hoffnung auf ein besseres Leben und ohne Anfeindungen.
1932 galt Hamburg noch als weniger antisemitisch.


Stolz auf die große Tochter, die auf der Hamburger Privatkunstschule Gerda Koppel, Mittelweg 169, studierte.
1938 mußte meine Mutter die Schule verlassen.
*Gerda Koppel. dänische Jüdin, emigrierte am 16.1.1940 nach Kopenhagen.
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Bertha, Johanna
und Raphaela
vor ihrem neueröffneten Antiquitätengeschäft
in
Hamburg 36, Colonnaden 23-27 - Das Geschäft wurde im Zuge der Arisierung aufgelöst. |


Noch war die Welt für sie einigermaßen in Ordnung. Aber es war nur die Ruhe vor dem Sturm bis das ganze Unheil
über alle Beteiligten hereinbrach. Die Einzige, die die NS-Herrschaft unter schwierigen Bedingungen überlebt hat,
war meine Mutter und meine Schwester.


Die letzten
Fotos meiner Großmutter Johanna alias Jeannette bevor sie im
August 1937 an Tuberkulose starb.
Als Kind habe ich immer bedauert, dass ich sie nie kennen lernen durfte. Ich hätte gerne mehr aus ihrem Leben erfahren. Aber was wäre passiert, wenn Sie nicht so früh gestorben wäre?
Emigration oder KZ. Eine große Auswahl hatte sie nicht. Heutzutage weiß ich, dass ihr
durch ihren frühen Tod viel Leid erspart geblieben ist.
*Quelle, Maike Bruhns, Kunst in der Krise, Band 2, Künstlerlexikon Hamburg 1933 - 1945, Gerda Koppel, Seite 243